Zukunftsszenarien für Drogen und Sucht in der Europäischen Union bis 2040 (Rahmenszenarien für die Zukunft)
Einleitung und Hintergrund
Diese Seite enthält Informationen über die neueste Aktualisierung der EUDA-Rahmenszenarien. Sie enthält Hintergrundinformationen zum Projekt, Hinweise zur Methode und Zugang zu den Szenarien selbst.
Was sind „Szenarien“?
Szenarien werden in der Vorausschau auf Unternehmensebene weithin verwendet und spielen traditionell auch eine wichtige Rolle bei den vorausschauenden Tätigkeiten der EU-Organe und ihrer technischen Agenturen (1). Die Planung auf der Grundlage von Szenarien bietet einen strategischen Ansatz zur Vorbereitung auf ein breites Spektrum von Zukunftsszenarien: Anstatt eine bestimmte, wahrscheinlichste Zukunft vorherzusagen, werden anhand von Szenarien mögliche alternative Entwicklungen aufgezeigt. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen können dann erörtert und reflektiert werden, wodurch die Fähigkeiten einer Organisation im Hinblick auf die vorausschauende Entscheidungsfindung verbessert werden. Die Verwendung von Szenarien suggeriert auch, dass die Zukunft beeinflusst werden kann; Szenarien regen uns dazu an, darüber nachzudenken, wie wir wünschenswerte Ergebnisse erzielen und potenziell schädliche Entwicklungen vermeiden können.
Die EUDA (2) baut ihre Kapazitäten im Bereich der Vorausschau seit 2019 durch eine Reihe von Tätigkeiten aus, auch durch die Organisation von Workshops zur Vorausschau und Trends, das EUDA-Trends-Workshop-Toolkit und die Entwicklung der ersten Pilot-Rahmenszenarien. Damit wird das Ziel verfolgt, Kompetenzen und Instrumente zu entwickeln, die die Vorsorge der Organisation in Bezug auf Trends, Politik und Praxis im Drogenbereich verbessern, und externe Stakeholder beim Aufbau von Kapazitäten für die Vorausschau zu unterstützen. Die nachstehend dargelegten Szenarien sind Teil dieses vorausschauenden Ansatzes und sollen der Organisation dabei helfen, potenzielle künftige Entwicklungen, einschließlich Chancen und Herausforderungen, in einer sich ständig wandelnden globalen Drogenlandschaft frühzeitig zu erkennen und sich darauf vorzubereiten.
Szenarien: drei alternative Zukunftsszenarien für Drogen und Drogensucht im Jahr 2040
Wählen Sie eines der Szenarien aus.
Szenario 1: Harmonie in der EU
Im Jahr 2040 ist die soziale Ungleichheit in der EU geringer als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der jüngeren Vergangenheit. Nach der Bewältigung verschiedener Krisen Mitte der 2020er Jahre verzeichnete die Europäische Union erhebliche Fortschritte mit Blick auf die wirtschaftliche, soziale und territoriale Kohäsion, was zu einem hohen Niveau gemeinsamen Wohlstands und Wohlbefindens führte. Den Menschen ging es noch nie so gut. Drogen sind vielleicht nicht vollständig verschwunden, aber die Suchtprävalenz ist auf einem historischen Tiefstand, und Suchterkrankungen verursachen weniger Schaden als je zuvor. Eine deutlich verringerte politische Polarisierung und ein gestiegenes gesellschaftliches Vertrauen haben die Integration der zunehmenden Zahl junger Arbeitskräfte, die in die EU zuwandern (oder innerhalb der Mitgliedstaaten mobil sind), wesentlich erleichtert. In einem zunehmend diversen Europa haben sich Migration und Zuwanderung zu zentralen Triebkräften für Innovation und Wertschöpfung entwickelt.
Beschreibung des Szenarios
Wo wir stehen und wie wir dorthin gekommen sind: Die EU und die Welt im Jahr 2040
Im Jahr 2040 genießen die Bürgerinnen und Bürger der EU eine hohe Lebensqualität in einem Europa, das sich zunehmend zu einem „Europa des Wohlbefindens“ entwickelt. Obwohl es anfangs nicht den Anschein hatte, sind die Erfahrungen aus der erfolgreichen internationalen Zusammenarbeit während der COVID-19-Pandemie nicht in Vergessenheit geraten. Nach den geopolitischen Krisen der frühen 2020er Jahre führte eine Renaissance demokratischer Systeme zu einer Phase weltweiter wirtschaftlicher Stabilität. Im Jahr 2040 zeigen die in den 2020er- und 2030er Jahren unternommenen umfangreichen Maßnahmen zur Abschwächung der gravierendsten Folgen des Klimawandels und zur Umkehr der Umweltzerstörung erste greifbare Erfolge. Nach über einem Jahrzehnt wachsender globaler Fokussierung auf Innovation und technologische Entwicklung steht der Wissenschaft nun ein breites Spektrum an Fördermitteln zur Verfügung. Forschungsergebnisse und Wissen werden zunehmend offen und effektiv über internationale Netzwerke ausgetauscht.
Leben in der EU im Jahr 2040
Mit Blick auf die Kohäsion wurden in der EU erhebliche Fortschritte erzielt. Im Jahr 2040 haben wirksame Einwanderungsstrategien dazu geführt, dass Neuankömmlinge rasch integriert werden. Junge Migrantinnen und Migranten gleichen die Folgen einer langsam alternden und schrumpfenden (Erwerbs-)Bevölkerung aus. In vielen Branchen gehört der Fachkräftemangel der Vergangenheit an. Der digitale Entwicklungssprung, der bis Mitte der 2030er Jahre abgeschlossen war, hat dazu geführt, dass alle Menschen – und nahezu alles – überall online sind. Dank verbesserter Infrastruktur und der erweiterten Verfügbarkeit öffentlicher Dienstleistungen nehmen die Unterschiede zwischen den EU-Regionen seit über einem Jahrzehnt ab und liegen nun deutlich unter dem Niveau von 2020. Infolgedessen sind allgemeine Gefühle der Verbitterung weitgehend abgeklungen, und die meisten Menschen haben größeres Vertrauen in die Institutionen und betrachten Politik nicht länger als ein Nullsummenspiel. Dies hat auch die Bekämpfung der organisierten Kriminalität erleichtert und zu einem deutlichen Rückgang des Drogenhandels und der drogenbedingten Gewalt geführt. Die Korruptionsrate ist gesunken, da kriminellen Netzwerken das Geld fehlt, um Regierungsstrukturen zu unterwandern. Auch Raub, Einbrüche und Diebstähle nehmen ab, da weniger Täter durch die Notwendigkeit angetrieben werden, ihre Drogenabhängigkeit zu finanzieren. Das kollektive Wohlbefinden ist ein Kernelement der Politik der EU und ihrer Mitgliedstaaten, und es besteht eine große Bereitschaft, dafür politisches und finanzielles Kapital einzusetzen.
Der Zustand der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitswesens im Jahr 2040
Im Jahr 2040 steht das Gesundheitssystem unter deutlich geringerer Belastung. Einerseits führen die Menschen ein gesünderes Leben, da Emissionsminderungen sowie mehr Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu einer verbesserten körperlichen Gesundheit beitragen. Ferner führen weniger belastende Arbeitsumgebungen und ein besseres Gleichgewicht zwischen Privat- und Berufsleben sowie das Ausbleiben von wirtschaftlichem Druck und Sparmaßnahmen zu geringerer psychischer Belastung und damit zu deutlich weniger damit verbundenen gesundheitlichen Problemen. Andererseits hat sich auch die Gesundheitsversorgung als solche verbessert. Dank besserer Vernetzung ist Gesundheitswissen nahezu überall verfügbar, während eine stärkere EU-weite Zusammenarbeit und Koordinierung in Gesundheitsfragen – entstanden aus der gemeinsamen Reaktion auf die COVID-19-Pandemie, was in den Folgejahren institutionell verankert wurde – zu einer Gesundheitslandschaft geführt haben, die nahezu gleichen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung bietet, was für eine hochgradig vielfältige Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist. Ungleichheiten beim Zugang und in der Verfügbarkeit bestehen weiterhin, doch der Schwerpunkt auf gemeindebasierter Versorgung – mit ihren Wurzeln in etablierten lokalen Einrichtungen, Beziehungen und Vertrauensstrukturen – sorgt dafür, dass diese auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben. Dank der EU-Initiativen zur Förderung der Langlebigkeit stehen im Rahmen der allgemeinen Gesundheitsversorgung immer mehr Behandlungen für altersbedingte und chronische Krankheiten zur Verfügung.
Was bedeutet dies für Drogen, Drogenpolitik und Drogenüberwachung im Jahr 2040?
Eine stärkere Kohäsion, Harmonisierung und grenzüberschreitende Zusammenarbeit zeigen sich auch in der Drogenpolitik der EU und ihrer Umsetzung sowie in zusätzlichen politischen Komponenten wie u. a. in Bezug auf Menschenrechte, öffentliche Sicherheit und Kriminalitätsbekämpfung. Die Drogenpolitik wird nun vollständig mit der Zivilgesellschaft abgestimmt und gemeinsam gestaltet, was zu Präventionsprogrammen auf der Grundlage eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes führt, die häufig im Rahmen von Programmen zur sozialen Gerechtigkeit umgesetzt und mit dem Ziel eingeführt werden, die soziale Gerechtigkeit und Fairness zu verbessern. Gut finanzierte Forschungs- und Entwicklungsinitiativen, gestützt auf hochwertige, reaktionsschnelle und transparente Daten zum Drogenkonsum, haben schnelle und gezielte Maßnahmen ermöglicht. Diese Maßnahmen sind zur Regel geworden, um auf neu entstehende Suchtmuster zu reagieren. Es sind innovative Behandlungs- und Frühpräventionsmöglichkeiten entstanden, die kontinuierlich angepasst werden, um der zunehmenden Komplexität der Bedarfsprofile besser gerecht zu werden, und dank neuer Technologien ist nun eine schnelle Intervention auf individueller Ebene möglich. Dies hat nicht nur den Konsum neuer psychoaktiver Substanzen (NPS) eingedämmt, sondern auch die Raten des Arzneimittelmissbrauchs verringert, was zudem durch die EU-weite Einführung personalisierter Medizin weiter unterstützt wird. Mit einem klaren Schwerpunkt auf Schadensminderung statt auf der bloßen Bekämpfung von Drogen als solcher wurden einige sorgfältig ausgewählte Drogen legalisiert und sind über streng kontrollierte Kanäle erhältlich. Dank der ausgewogenen Innovationspolitik der EU und ihres Einflusses auf der Weltbühne hat sich die befürchtete neue Welle von durch künstliche Intelligenz (KI) entwickelten Designerdrogen nicht verwirklicht, und die globale Koordinierung spielt zudem generell eine zentrale Rolle im Kampf gegen synthetische Drogen. So wird beispielsweise der Handel mit Drogenausgangsstoffen von ausführenden Ländern rasch eingedämmt, sobald ein Missbrauch festgestellt wurde, und Online-Marktplätze für NPS und andere Drogen werden kontinuierlich überwacht und gestört.
Wichtige Erkenntnisse aus dem Szenario
- Die gemeinsame Ausarbeitung von Politikmaßnahmen mit der Zivilgesellschaft, insbesondere im Hinblick auf Änderungen von Vorschriften und Rahmenbedingungen für den Drogenkonsum, führt zu einer breiten Akzeptanz unter den Nutzergruppen.
- Eine dynamische, anpassungsfähige und reaktionsschnelle Politikgestaltung, die Evidenz wirksam nutzt, ermöglicht schnelle und gezielte Reaktionen auf neue Entwicklungen, insbesondere im Hinblick auf die Bedrohung durch NPS.
- Klare, EU-weit harmonisierte Vorschriften führen zu stabilen und wirksamen Maßnahmen im Bereich der Drogenpolitik,
wobei die Gesundheitsdienste vollständig auf mögliche Krisen vorbereitet und Gegenmittel (z. B. Naloxon für Opioide) weithin verfügbar sind. - Innovation und kontinuierliche Bemühungen, bewährte Verfahren zu überdenken und zu verbessern, erhöhen die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen und ermöglichen frühzeitigere Reaktionen auf neu auftretende Bedrohungen.
- Der rückläufige Drogenkonsum führt zu weniger Gewalt und Kriminalität – eine Nebenerscheinung des Marktes für illegale Substanzen – und setzt Ressourcen frei, um den Aufbau des kollektiven Wohlbefindens weiter voranzutreiben.
- Da Daten eine zentrale Rolle bei der Gestaltung von Behandlungsmaßnahmen spielen, ist ein freier und zeitnaher EU-weiter Informationsaustausch über Drogenmissbrauch entscheidend für die Bereitstellung wirksamer Behandlungsprogramme.
Szenario 2: Große Schwierigkeiten
Im Jahr 2040 steht die EU noch, aber sie steht auf wackligen Beinen. Nach einer Reihe globaler Krisen, welche Europa heimgesucht haben, ist die gesellschaftliche Spaltung deutlich größer als zuvor, und unter den politischen Entscheidungsträgern der EU herrscht eine düstere Stimmung. Da die Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt zu halten, nehmen lokale und soziale Unterschiede im Gesundheitsbereich zu, sodass Einkommen und geografischer Standort – und nicht der tatsächliche Bedarf – zu den entscheidenden Faktoren für den Zugang zu medizinischer Versorgung werden. Da Drogenkonsum für viele weiterhin ein zentraler Bewältigungsmechanismus darstellt, gelingt es den Behörden in der EU nur mit Mühe, mit der zunehmenden Komplexität von Drogen- und Arzneimittelmissbrauch, Abhängigkeit und der Zunahme drogenbedingter Gewalt Schritt zu halten – doch wie lange noch?
Beschreibung des Szenarios
Wo wir stehen und wie wir dorthin gekommen sind: Die EU und die Welt im Jahr 2040
Nach den Krisen der frühen 2020er Jahre verlief die Erholung weiterhin schleppend. Zudem hat die wirtschaftliche Abhängigkeit von Drittstaaten in den 2030er Jahren nie wesentlich abgenommen, was die Fähigkeit der EU einschränkt, Einfluss auf die Ausfuhrpolitik anderer Länder auszuüben. Im Jahr 2040 beschränkt sich die internationale Zusammenarbeit darauf, den kontinuierlichen Warenfluss sicherzustellen – darüber hinaus besteht kaum Bereitschaft, Probleme gemeinsam anzugehen. Stattdessen war im vergangenen Jahrzehnt ein Anstieg gezielter Desinformationskampagnen zu verzeichnen, Einflussoperationen sind zur gängigen Praxis geworden, und die meisten Staaten sehen keine Vorteile mehr in einem freien Informationsaustausch. Da die Klimaherausforderungen in den vergangenen 15 Jahren zugunsten kurzfristiger wirtschaftlicher Gewinne weitgehend ignoriert wurden, sind die Auswirkungen des Klimawandels nun zunehmend gravierend, und mit den stetig steigenden Kosten für Gegenmaßnahmen wird das tägliche Leben für viele Menschen in der EU immer schwieriger.
Leben in der EU im Jahr 2040
Im Jahr 2040 zeigen die Wohlstandsunterschiede zwischen den EU-Regionen kaum Anzeichen einer Verringerung, und in einigen Gebieten vergrößern sie sich bereits seit mehr als einem Jahrzehnt. Die wirtschaftlichen Strukturen innerhalb der Union sind mittlerweile derart ungleich entwickelt, dass ein vergleichbarer Lebensstandard für alle Unionsbürgerinnen und Unionsbürger nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Mitgliedstaaten haben sich auch hinsichtlich ihrer Regierungsformen zunehmend voneinander entfernt. Während einige eine autokratischere Ausrichtung eingeschlagen haben, bemühen sich andere durch neue Formen öffentlicher Beteiligung, ihre demokratischen Grundlagen zu festigen. Probleme bei der Integration von Migrantinnen und Migranten führen dazu, dass in vielen Branchen ein Fachkräftemangel herrscht oder – aufgrund der alternden Bevölkerung – sogar zunimmt. Während viele Menschen in Europa weiterhin einen hohen Lebensstandard und eine hohe Lebensqualität genießen, geht es anderen deutlich schlechter. Diese wachsende wirtschaftliche Ungleichheit hat dazu geführt, dass die organisierte Kriminalität in Regionen mit besonders trüben wirtschaftlichen Aussichten zunehmend verbreitet – und teilweise normalisiert – ist. Die Lebenserwartung beginnt zu sinken, und der Anteil gesunder Lebensjahre innerhalb der Lebensspanne nimmt rapide ab. Es gibt nur wenige EU-weite Initiativen, die sich mit diesen Fragen befassen, was zu einem Flickenteppich unterschiedlicher Ansätze führt.
Der Zustand der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitswesens im Jahr 2040
Die Einstellung „Es könnte schlimmer sein“ ist im Jahr 2040 sowohl bei Gesundheitsfachkräften als auch bei Patientinnen und Patienten weit verbreitet. Bisher ist es den Gesundheitssystemen gelungen, mit der steigenden Krankheitslast – insbesondere im Zusammenhang mit nicht übertragbaren Krankheiten und psychischen Störungen – Schritt zu halten, doch sie stoßen inzwischen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Da das tägliche Leben für einen großen Teil der erwerbstätigen Bevölkerung ein Kampf ist, leben immer mehr Menschen in einem unsicheren Umfeld, was unweigerlich zu einem Anstieg oder zumindest zu keiner Verringerung der übertragbaren Krankheiten führt. Seit 15 Jahren entfernt sich Europa schrittweise vom Ideal einer „Gesellschaft des Wohlbefindens“. Das Wohlstandsgefälle zeigt sich bei der Verteilung der schweren Krankheiten, an denen fast ein Viertel der Erwerbsbevölkerung leidet. Der genaue Stand der regionalen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit im Gesundheitsbereich ist jedoch unbekannt, da die Bemühungen zur Verbesserung des Datenaustauschs und der Kompatibilität von Gesundheitsdaten in den 2030er Jahren im Sande verlaufen sind. Allzu oft hängt der Zugang zur Gesundheitsversorgung jetzt vom persönlichen Vermögen und vom Wohnort ab. Hochwertige Gesundheitsversorgung, das Produkt innovativer Unternehmen, steht nur jenen zur Verfügung, die sie sich leisten können; alle anderen sind zunehmend auf Selbstfürsorge und Selbstmedikation angewiesen – insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit – und suchen Linderung auf einem wachsenden Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente.
Was bedeutet dies für Drogen, Drogenpolitik und Drogenüberwachung im Jahr 2040?
Einige Mitgliedstaaten haben bestimmte Freizeitdrogen entweder ausdrücklich oder implizit entkriminalisiert. Da die Bewegung zur weiteren Entkriminalisierung – auch durch Einflussnahme wirtschaftlicher Interessengruppen – zunehmend an Unterstützung gewinnt, wird das regulatorische Gefüge innerhalb der EU immer fragmentierter. Folglich werden Drogen, die in bestimmten Mitgliedstaaten verboten sind, in anderen Ländern offensiv beworben und vertrieben. Veränderungen in den Handelsströmen haben auch dazu geführt, dass einige Drogen in größerem Umfang verfügbar sind, während andere seltener oder teurer geworden sind. Initiativen zur Verringerung des Konsums schädlicher, jedoch legaler Drogen – beispielsweise im Rahmen der Reform der EU-Vorschriften zur Eindämmung des Tabakkonsums mit dem Ziel einer rauchfreien Generation bis 2040 oder durch internationale Kooperation – blieben ohne nennenswerten Erfolg. Insgesamt zeigt der Trend zu steigendem Drogenkonsum und Arzneimittelmissbrauch keine Anzeichen einer Abschwächung. Die Kombination aus Entstigmatisierung und sozialer Verelendung hat den Markt für Drogenmissbrauch erheblich ausgeweitet und neue kriminelle Geschäftsfelder hervorgebracht. Diese betreffen sowohl die Entwicklung neuer Produkttypen – insbesondere im Bereich NPS und synthetische Drogen – als auch die Entstehung neuer Vertriebs- und Schmuggelrouten, deren Kontrolle die Behörden zunehmend überfordert. Gleichzeitig hat die drogenbezogene Kriminalität erheblich zugenommen, was zu einer neuen Fokussierung auf die Sicherheit auf Gemeindeebene geführt hat. Die Bemühungen im Bereich der „Frühwarnung“ sind nach wie vor uneinheitlich. In einigen Mitgliedstaaten sind forensische Labore in der Lage, NPS und deren Ausgangsstoffe zu identifizieren, während Abwasseraufbereitungsanlagen regelmäßig auf das Vorhandensein neuartiger Drogen testen. In anderen Ländern hingegen haben Sparmaßnahmen dazu geführt, dass die Strafverfolgungsbehörden aufgrund der zunehmenden Vielfalt der Herausforderungen kaum noch Schritt halten können. Die Konsumierenden sind sich der Gesundheitsrisiken, die von neuen synthetischen Drogen ausgehen, häufig nicht bewusst und sind daher einem größeren Risiko ausgesetzt. Das Suchtverhalten hat sich zunehmend diversifiziert und ist komplexer geworden, doch standardisierte, nicht individualisierte Behandlungsansätze bleiben die Regel. Dies dürfte auch auf die wachsende Informationslücke hinsichtlich Konsumverhalten und neuer Abhängigkeitsformen zurückzuführen sein. Diese Wissenslücke wird durch Unterschiede bei der Überwachung noch verschärft. Infolgedessen fehlen den politischen Entscheidungsträgern detaillierte Leitlinien, und Investitionen in Maßnahmen zur Drogenbekämpfung sind oft nicht zielgerichtet. Andererseits ist in mehreren Bereichen eine Zunahme der Kriminalisierung bestimmter Drogen und der damit verbundenen Strafverfolgungsmaßnahmen zu beobachten. Formen gemeinschaftlicher Selbstorganisation treten häufiger auf und genießen wachsende gesellschaftliche Akzeptanz, werden jedoch von einigen als Ausdruck staatlicher Ohnmacht interpretiert.
Wichtige Erkenntnisse aus dem Szenario
- Die wachsende Komplexität von Krankheitsbildern und Drogenprofilen stellt die öffentliche Hand vor erhebliche Herausforderungen und macht einen auf kontinuierliche Beobachtung gestützten, situationsnahen Ansatz erforderlich.
- Mit dem Anstieg sozialer und wirtschaftlicher Disparitäten wächst auch die Zahl gefährdeter Bevölkerungsgruppen. Dies führt häufig zu regional spezifischen Konsummustern und macht eine auf die (frühzeitige) Erkennung ausgerichtete Überwachung erforderlich.
- Die Ressourcen der Strafverfolgungsbehörden sind durch den Kampf an zwei Fronten gegen die Zunahme der organisierten Kriminalität und die Entwicklung neuer Drogen stark beansprucht, was die Umsetzung von Präventionsmaßnahmen erschwert.
- Um die Wissenslücke in Bezug auf wirksame Investitionsstrategien zur Bekämpfung des Drogenkonsums und die Rolle neuer Technologien – etwa künstlicher Intelligenz oder Biotechnologie – in der illegalen Drogenherstellung zu schließen, wird ein deutlich beschleunigter Datenaustausch erforderlich sein. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Lobbyisten die Lücken füllen.
Szenario 3: Kartenhaus
Im Jahr 2040 befindet sich die Europäische Union in einem internationalen Umfeld, das von Orientierungslosigkeit und Volatilität geprägt ist. Internationale Regelwerke und Vereinbarungen verlieren zunehmend an Bedeutung, während politische Blöcke und Bündnisse auseinanderbrechen. Innerhalb der EU hat der zunehmende Hang zum nationalen Alleingang zu einer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zersplitterung geführt. In den meisten Mitgliedstaaten hat sich dies in erheblichem Maße negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung ausgewirkt. Die meisten Gesundheitssysteme befinden sich am Rand des Kollapses und sind nur noch eingeschränkt funktionsfähig. Der Drogenkonsum, der gleichermaßen durch ein empfundenes Bedürfnis wie durch Kommerzialisierung befördert wird, ist inzwischen in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet. Suchtphänomene und drogenbezogene Gewalt sind allgegenwärtig geworden.
Beschreibung des Szenarios
Wo wir stehen und wie wir dorthin gekommen sind: Die EU und die Welt im Jahr 2040
In den 15 Jahren bis 2040 ist die Welt fragmentierter geworden. Zwischenstaatliche Handelshemmnisse haben deutlich zugenommen, und die internationale Zusammenarbeit befindet sich auf einem Tiefpunkt. Gegenseitige Vergeltungsmaßnahmen sind mittlerweile ein übliches politisches Instrument. Im letzten Jahrzehnt hatte die Europäische Union erhebliche Schwierigkeiten, den sich überschneidenden und zunehmend komplexen Herausforderungen zu stellen. Heute wird sie – sowohl innerhalb der Union als auch auf internationaler Ebene – nicht mehr als ernstzunehmender politischer Akteur wahrgenommen. Die Abhängigkeit von Energieeinfuhren aus autokratisch regierten Ländern besteht weiterhin. Inzwischen ist klar, dass alle ehemals als Ausdruck gemeinsamer europäischer Verantwortung verstandenen Klimaziele deutlich verfehlt werden.
Leben in der EU im Jahr 2040
In den meisten Mitgliedstaaten ist die wirtschaftliche Lage besorgniserregend. Neue Technologien führen zum Verlust von Arbeitsplätzen, während das Versäumnis, in den vergangenen zehn Jahren Ausbildungsprogramme einzurichten, zu hoher Arbeitslosigkeit und Löhnen geführt hat, die nicht mit der Inflation Schritt halten können. Viele haben Schwierigkeiten und suchen nach einfachen Lösungen. Gleichzeitig haben politische Polarisierung, Proteste und Frust in der Bevölkerung neue Höhen erreicht, und seit den 2030er Jahren wenden sich politische Entscheidungsträger zunehmend nach innen, um die innenpolitische Stabilität aufrechtzuerhalten. Die Mitgliedstaaten wenden sich auf der Suche nach Lösungen nicht mehr an die Union, und Autoritarismus und exklusive Formen des Nationalismus sind die Norm. Während die Zahl der Flüchtlinge weltweit so hoch ist wie nie zuvor und die europäische Industrie unter Fachkräftemangel leidet, werden Einwanderer an den Grenzen der EU abgewiesen. Innovation – inzwischen kaum mehr als ein Schlagwort in aller Munde – hat gelitten, obwohl erhebliche Mittel dafür bereitgestellt werden.
Der Zustand der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitswesens im Jahr 2040
Es liegt wohl weniger am fehlenden Willen, doch seit fast einem Jahrzehnt sind die Gesundheitssysteme in der EU zunehmend damit überfordert, den auftretenden Herausforderungen wirksam zu begegnen. Der Mangel an Finanzmitteln und Ressourcen wird durch das Scheitern internationaler kollektiver Maßnahmen angesichts gemeinsamer Bedrohungen (z. B. neuer Pandemien) verschärft, was bedeutet, dass regionale und saisonale Notfälle (z. B. Hitzewellen aufgrund des ungebremsten Klimawandels) nicht bewältigt werden können. Angesichts der weitverbreiteten Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut haben sich die Lebensbedingungen im Vergleich zu Beginn der 2020er Jahre erheblich verschlechtert. Viele leiden an Depressionen und anderen psychischen Problemen, aber die Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt, da immer mehr Menschen in der EU keinen Zugang zur Krankenversicherung haben. Die Kosten sowie das Fehlen gemeinsamer Daten und einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur führen dazu, dass innovative medizinische Lösungen (einschließlich eHealth) nie EU-weit eingeführt werden.
Was bedeutet dies für Drogen, Drogenpolitik und Drogenüberwachung im Jahr 2040?
In der EU und ihren Mitgliedstaaten gibt es keinen gemeinsamen Ansatz mehr für die durch Drogen verursachten Probleme. Durch die politische Fragmentierung sind sehr unterschiedliche Rechtsvorschriften und Vollzugsmaßnahmen entstanden, während supranationale Organisationen zunehmend an Einfluss verloren haben. Der Fokus auf die innere Sicherheit bedeutet, dass Repression statt Behandlung zur Norm geworden ist. Behandlungs- und Schadensminderungsansätze werden als Teil des Problems angesehen und bleiben stark unterfinanziert, was zu einem deutlichen Mangel an Wissen, qualifiziertem Personal und Forschungsausgaben führt. Zugleich hat der Drogenkonsum – möglicherweise ausgelöst durch die frühere breite Verwendung sogenannter Gehirndoping-Substanzen – seine gesellschaftliche Stigmatisierung weitgehend verloren. Der Konsum synthetischer Drogen und Opiate ebenso wie der Missbrauch von Arzneimitteln ist inzwischen weitverbreitet.
Angesichts dieser Kommerzialisierung des Drogenmarktes ist die EU zu einem bedeutenden Hersteller synthetischer Drogen geworden. Die bestehenden sozialen Ungleichheiten zeigen sich auch darin, wie bestimmte Drogen wahrgenommen werden und wie Drogengesetze formuliert und durchgesetzt werden. Hochentwickelte, innovative kommerzielle Anbieter bedienen die Bedürfnisse wohlhabender Angestellter mit Produkten, die infolge intensiver Lobbyarbeit legalisiert wurden oder in einer rechtlichen Grauzone verbleiben und daher von der Strafverfolgung toleriert werden, wohingegen ärmere Menschen auf billige Drogen zurückgreifen, die meist in Hinterhoflaboren mit gehackten 3D-Druckern für chemische Substanzen und herunterladbaren „Druckplänen“ hergestellt werden. Da die Konsumierenden oft keine Ahnung haben, wie genau die Substanzen wirken, die sie nehmen, führen diese synthetischen Drogen zu einem Anstieg der drogenbedingten Notaufnahmen und Todesfälle auf lokaler und regionaler Ebene. Da der Behandlungsbedarf weiterhin nicht gedeckt ist, führt die Zunahme psychischer Probleme zu einem Anstieg des Polykonsums und des Konsums in der Öffentlichkeit, insbesondere in ländlichen Gebieten. Um der durch Falschmeldungen und politische Zersplitterung entstandenen Informations- und Handlungslücke entgegenzuwirken, füllen gemeinschaftlich organisierte Selbsthilfegruppen das Vakuum, das überforderte Behörden hinterlassen haben – und sie stehen Drogenhändlern oft ebenso feindlich gegenüber wie den Strafverfolgungsbehörden. Das gesellschaftliche Leben ist spürbar gewalttätiger geworden: Drogenhändler tragen ihre Konflikte zunehmend mit Gewalt aus, Süchtige begehen Delikte, um ihren Konsum zu finanzieren, und andere reagieren aggressiv infolge von Entzugserscheinungen oder drogenbedingten Persönlichkeitsveränderungen.
Darüber hinaus betrachten einige Länder den destabilisierenden Einfluss von Drogen auf Gesellschaften als legitimes Instrument der internationalen Beziehungen und bieten Drogenherstellern und Händlern von Drogenausgangsstoffen einen sicheren Hafen. Andere nutzen synthetische Drogen lediglich als Einnahmequelle, während es für grenzüberschreitende organisierte kriminelle Gruppen, die einst zu den größten Nutznießern der Globalisierung gehörten, zunehmend schwerer wird, in einem deglobalisierten Umfeld ihre Aktivitäten fortzusetzen. Zugleich richtet sich das unternehmerische Engagement im Suchtbereich überwiegend auf die Entwicklung legaler Ersatzprodukte sowie auf Therapieangebote für zahlungskräftige Kunden. Zwar hat sich die Überwachung, insbesondere im Dienstleistungsbereich für private Akteure, deutlich verbessert, doch blieb ein messbarer Einfluss auf die Suchtprävention und -bewältigung aus.
Wichtige Erkenntnisse aus dem Szenario
- Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen führt zu einem Anstieg der Zahl schutzbedürftiger und marginalisierter Drogenkonsumierender. Zugleich führen veränderte politische Prioritäten und begrenzte finanzielle Ressourcen dazu, dass Behandlungsmöglichkeiten schwinden und Prävention in den Hintergrund rückt.
- Die Struktur des Drogenmarktes wird immer komplexer. Eine wachsende Zahl von Anbietern bedient verschiedene Einkommensschichten mit gezielt beworbenen Substanzen, wodurch politische Gegenmaßnahmen zunehmend erschwert werden.
- Ständig kommen neue synthetische Drogen auf den Markt, was schwerwiegende Folgen für ahnungslose Konsumierende hat und die lokalen und regionalen Gesundheitsdienste und Strafverfolgungsbehörden oft überfordert.
- Da die Vorschriften zwischen den EU-Mitgliedstaaten stark variieren, gibt es keine stabilen und wirksamen Ansätze für die Drogenkontrolle und verwandte Problembereiche.
Methodischer Ansatz
Wie wurden die EUDA-Szenarien entwickelt?
Im Rahmen mehrerer Workshops zur Zukunft mit Vertretern der EUDA, politischen Entscheidungsträgern, Vertretern der nationalen Reitox-Knotenpunkte sowie Teilnehmenden der Konferenz „Lisbon Addictions“ 2019 (insgesamt etwa 120 Personen) wurden die 14 vom JRC ermittelten Megatrends (3) im Hinblick auf ihre potenziellen Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung von Drogen und Sucht analysiert und erörtert. Im Rahmen dieses Verfahrens wurden fünf Trends ermittelt, von denen angenommen wurde, dass sie bis 2040 die größten Auswirkungen auf diesem Gebiet haben werden. Darüber hinaus wurden im Rahmen einer strategischen Früherkennung, einschließlich einer Überprüfung der EUDA-Berichte, sechs weitere sich abzeichnende Trends ermittelt, die bereits im Drogenbereich beobachtet werden können und als relativ „starke“, sichtbare oder wichtige Entwicklungen angesehen werden können.
Tabelle 1. Schlüsselfaktoren für die EUDA-Rahmenszenarien
| Titel | STEEP-Kategorie | Beschreibung |
|---|---|---|
|
Veränderungen in der Gesellschaft |
Gesellschaft |
Veränderungen der Demografie und der Migrationsmuster, z. B. in Bezug auf Lebenserwartung, Geburtenraten und Geschlechterverhältnisse sowie Migrationsrouten und Migrationsströme. |
|
Diversifizierung von Ungleichheiten |
Gesellschaft |
Die Unterschiede zwischen den Menschen, z. B. in Bezug auf Einkommen, Zugang zu Bildung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung oder die politische Macht, und das daraus resultierende Niveau des sozialen Zusammenhalts. |
|
Veränderte Herausforderungen im Gesundheitsbereich |
Gesellschaft |
Die Entwicklung von Krankheiten (einschließlich nicht übertragbarer Krankheiten) und Bekämpfungsoptionen sowie Veränderungen des allgemeinen Verständnisses von Gesundheit, z. B. im Hinblick auf globale Pandemien oder psychische Gesundheit. |
|
Beschleunigung des technologischen Wandels und Hyperkonnektivität |
Technologie |
Fortschritte bei der Technologie und globale Vernetzung in Bereichen wie z. B. Nanotechnologie oder kollektive Informationssysteme. |
|
Klimawandel und Umweltzerstörung |
Umwelt |
Der Prozess der globalen Erwärmung – mit direkten Auswirkungen auf die natürliche Umwelt, erkennbar etwa an steigenden Temperaturen, einer Zunahme extremer Wetterereignisse, dem Anstieg des Meeresspiegels usw. Da die Auswirkungen regional unterschiedlich ausfallen, variieren auch die Anpassungsmaßnahmen entsprechend. |
|
Veränderter Rechtsrahmen |
Politik |
Änderungen von Gesetzen und politischen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Regulierung des Umlaufs und des Konsums von Drogen, etwa durch Entkriminalisierung. |
|
Entwicklungen in der Cannabis-Politik |
Politik |
Politische Veränderungen innerhalb der EU in Bezug auf den rechtlichen Status von Cannabis, etwa in Bezug auf die Unterscheidung zwischen medizinischer Nutzung und Freizeitkonsum. |
|
Auswirkungen der globalen Wirtschaft |
Wirtschaft |
Veränderungen in der globalen Wirtschaft, die sich auf die Drogenpolitik und -überwachung auswirken, einschließlich z. B. Veränderungen bei Finanzierungsmöglichkeiten, staatlichen Sparmaßnahmen oder politischer Ausrichtung. |
|
Arzneimittelmissbrauch |
Gesellschaft |
Die Veränderung des Arzneimittelmissbrauchs – etwa in Bezug auf Umfang und Muster – sowie die Weiterentwicklung entsprechender Kontrollmechanismen, beispielsweise im Hinblick auf Verschreibungspraxis oder Forschungsbedarf. |
|
Komplexe Bedarfsprofile und individuell zugeschnittene Maßnahmen |
Gesellschaft |
Veränderungen in der Komplexität des Drogenkonsums – etwa in Bezug darauf, wer Drogen konsumiert und aus welchen Gründen – sowie der damit verbundene Bedarf an maßgeschneiderten Maßnahmen, z. B. unter Berücksichtigung spezifischer Anfälligkeiten oder partizipativer Handlungsmöglichkeiten. |
|
Innovation und neue Werkzeuge |
Technologie |
Die Entwicklung neuer Instrumente zur Überwachung oder Aufdeckung des Arzneimittelmissbrauchs und Drogenkonsums sowie Anwendungen zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheit, beispielsweise neue Behandlungstechnologien oder innovative Kommunikationsformen. |
|
Aufstieg der KI (Ergänzung von 2024) |
Technologie |
Der Einsatz von KI bei der Herstellung und Aufdeckung illegaler Substanzen sowie bei der Behandlung von Abhängigkeiten und der Durchsetzung der entsprechenden Rechtsvorschriften. |
|
Geopolitische Volatilität (Ergänzung von 2024) |
Politik |
Da die Welt zunehmend multipolar wird, ist das Schicksal internationaler Institutionen und Kooperationsmechanismen ungewiss. Dies schließt die Zusammenarbeit im Kampf gegen den Drogenhandel ein. |
Basierend auf dieser Liste von insgesamt 11 für die EUDA relevanten Trends (siehe Tabelle 1 oben) und einer zusätzlichen systematischen Recherche der einschlägigen Literatur (4) zur Gewinnung weiterer Erkenntnisse und Entwicklungen wurde ein strukturierter Prozess unter Verwendung einer schlüsselfaktorbasierten Methode (5) durchgeführt, der zur Erstellung von drei Prototyp-Szenarien führte.
Beim Scenario Engagement Workshop der EUDA im Zuge der Konferenz Lisbon Addictions 2022 dienten diese Rahmenszenarien als Ausgangspunkt für die Diskussionen beim Workshop (für die einleitende Präsentation siehe Future Impacts, 2022). Moderatoren von „Future Impacts“ und der EUDA unterstützten 25 Teilnehmende (6) bei der Untersuchung der Szenarien und der Erörterung der spezifischen Auswirkungen, die sie im Zeitrahmen 2040 für die Gesellschaft im Allgemeinen, für Drogen und Sucht sowie für die Drogenüberwachung und -politik haben könnten. Zusätzliches Material wurde durch eine Übung mit „Briefen aus der Zukunft“ bereitgestellt, in denen Empfehlungen für die aktuelle Politik formuliert wurden. Unter Verwendung der gesammelten strukturierten Ergebnisse wurden die drei Szenarien anschließend konkretisiert, verfeinert und aktualisiert.
Annahmen für das Szenario
Der Zeitraum bis zum Jahr 2040 wurde als Zeitrahmen für die Szenarien gewählt, da dieser Zeitpunkt als ausreichend weit in der Zukunft liegend angesehen wurde, um zum Nachdenken über den nächsten Strategiezyklus hinaus anzuregen und so die Debatte über die Grenzen des „Business-as-usual“-Szenarios hinaus zu erleichtern. Darüber hinaus bedeutet die Wahl des Jahres 2040 auch, dass der zeitliche Rahmen des Szenarios für das Publikum vorstellbar bleibt und nicht zu weit in den Bereich des Fantastischen abdriftet.
Während des Zeitraums, in dem die Szenarien erstellt wurden, gab es Volatilität und Störungen auf einem relativ hohen Niveau, insbesondere im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie und Veränderungen in der geopolitischen Landschaft. Daher wurden die künftigen Entwicklungen, die den Szenarien zugrunde liegen, aus der Perspektive des VUCA-Rahmens (VUCA steht für volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig) interpretiert. Es wurde daher davon ausgegangen, dass zukünftige Ereignisse bis zu einem gewissen Grad schnell und unvorhersehbar sein werden und dass die Ursache-Wirkungs-Beziehungen schwer zu interpretieren sein werden. Die Szenarien stellen jedoch bewusst keine extremen Störungen oder Schwankungen in den Vordergrund (z. B. den Ausbruch einer Pandemie mit außergewöhnlich hoher Sterblichkeitsrate oder den Beginn des Dritten Weltkriegs). Sie konzentrieren sich vielmehr darauf, wie sich Innovation, Wirtschaft, Gesellschaften, Zusammenarbeit und Technologie entwickeln könnten und inwieweit Aspekte dieser Faktoren disruptive Auswirkungen haben könnten. Aspekte, die sich auf spezifische Formen extremer Volatilität beziehen, könnten in künftigen vorausschauenden Aktivitäten der EUDA berücksichtigt werden.
Hier ist anzumerken, dass die Erzählstränge von zwei der entwickelten Szenarien bewusst bis an die Ränder des sogenannten „Kegels der Möglichkeiten“ ausgestaltet wurden, während das Business-as-usual-Szenario „genau in der Mitte“ verläuft. Dies ermöglicht es, ein möglichst breites Spektrum an Auswirkungen zu betrachten. Auch wenn das positive Szenario auf den ersten Blick angesichts der aktuellen Entwicklungen zu optimistisch und unrealistisch erscheinen mag, liegt sein Wert darin, den Lesenden die Möglichkeit zu geben, zu erkunden, wie politische Maßnahmen in Richtung dieser Ergebnisse gelenkt werden könnten.
Schlüsselfaktorbasierte Methode
Bei der schlüsselfaktorbasierten Methode werden Schlüsselfaktoren als Grundlage eines transparenten, systematischen und vollständig skalierbaren Prozesses genutzt. Der Prozess beginnt mit einer sorgfältigen Analyse aller ermittelten Faktoren, die den betreffenden Themenbereich beeinflussen könnten („Einflussfaktoren“). Entwicklungen, die wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen haben, werden als „Schlüsselfaktoren“ (key factors, KF) identifiziert. Die potenziellen künftigen Entwicklungen in Bezug auf die einzelnen KF werden auf der Grundlage einer Literaturauswertung, Expertenbefragungen oder anderer Quellen ausführlicher beschrieben, was zu mehreren „Projektionen“ für jeden KF führt, die verschiedene künftige Entwicklungspfade aufzeigen.
Die Ergebnisse werden häufig in Form eines morphologischen Kastens dargestellt, d. h. einer zweidimensionalen Entscheidungsmatrix, in der jede Spalte mit dem KF-Namen überschrieben ist und die Projektionen darunter beschrieben werden, wobei jede Projektion ein eigenes Feld erhält (siehe Schritt 3 in Abbildung 2 unten). Auf diese Weise lässt sich feststellen und visualisieren, welche Kombinationen von Projektionen strukturell kompatibel, miteinander vereinbar und konsistent sind. Die Szenarien werden somit aus Kombinationen einer Projektion pro Schlüsselfaktor gebildet. Auf dieser Grundlage können die Szenarien („Szenario-Entwürfe“) ausgearbeitet werden, in denen jeweils beschrieben wird, wie die unterschiedlichen Entwicklungen in verschiedenen sozialen Bereichen zu einer plausiblen künftigen Entwicklung führen können.
Aufgrund des systematischen Charakters kann dieser Prozess relativ einfach aktualisiert, ausgeweitet oder reduziert werden, indem wichtige Faktoren und/oder Prognosen hinzugefügt, angepasst oder entfernt werden, sodass die Szenarien schnell an sich ändernde Anforderungen und Bedingungen angepasst werden können, wenn neue Informationen bekannt werden. Innerhalb dieses methodischen Rahmens ist es auch möglich, „Mikroszenarien“ hinzuzufügen, bei denen bestimmte Themen näher beleuchtet werden, oder spezifische regionale Szenarien zu erstellen, mit denen Entwicklungen in einer Region oder einem Land genau aufgezeigt werden (während sie weiterhin mit den Rahmen- (oder Makro-)Szenarien übereinstimmen).
Die Aktualisierung 2024
Szenarien sind nicht statischer Natur. Sie müssen überwacht, Stresstests unterzogen und auf den neuesten Stand gebracht werden. Damit Szenarien ihre volle Wirkung entfalten können, müssen sie Teil eines fortlaufenden Prozesses werden, in dem sie regelmäßig mit aktuellen Entwicklungen verglichen, erörtert und angepasst werden – wobei kontinuierlich neue Schlussfolgerungen gezogen werden.
In diesem Dokument wird aufgezeigt, wie die ursprünglichen Rahmenszenarien aktualisiert wurden. Für diese Aktualisierung im Jahr 2024 hat Future Impacts die ursprünglichen Grundlagen erneut überprüft, um zu beurteilen, inwieweit die Annahmen Bestand hatten, und eine kurze Literaturrecherche durchgeführt. Es wurde auch deutlich, dass neue Entwicklungen, die im bisherigen Satz von Schlüsselfaktoren nicht vollständig abgebildet waren, Einfluss auf den Drogenbereich hatten, wobei mehrere Aspekte besonders hervortraten. Einer dieser Aspekte betrifft die sich rasant entwickelnden technologischen Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz; ein weiterer ist die anhaltende geopolitische Volatilität, wobei erste Anzeichen dafür sichtbar werden, dass Drogen als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Auch der Anstieg neuer psychoaktiver Substanzen und synthetischer Drogen – von dem weithin erwartet wird, dass er sich innerhalb der EU und darüber hinaus beschleunigt und ausweitet – spielt in allen drei Szenarien eine Rolle, wobei ihre Verbreitung von der Entwicklung der übrigen Schlüsselfaktoren abhängt.
Die EUDA wird diese Szenarien auch in Zukunft weiter entwickeln.
Referenzdokumente
EUDA (Drogenagentur der Europäischen Union) (2022), A foresight toolkit for the drugs field (Ein Toolkit für die Vorausschau im Drogenbereich).
EUDA (2024), Die Drogensituation in Europa im Jahr 2024 verstehen – die wichtigsten Entwicklungen (Europäischer Drogenbericht 2024).
Future Impacts (2022), 3 Scenarios, 3 Alternative AddictionFutures for 2040. Präsentation für den Scenario Engagement Workshop der EMCDDA bei LxAddictions22.
JRC (Gemeinsame Forschungsstelle) (2023), Reference foresight scenarios: scenarios on the global standing of the EU in 2040 (Referenzprognoseszenarien: Szenarien zur globalen Stellung der EU im Jahr 2040).
EUA (Europäische Umweltagentur) (2020), Population trends 1950 – 2100: global and within Europe (Bevölkerungstrends 1950-2100: global und innerhalb Europas).
EUA (2021), Trends and projections in Europe 2021 (Entwicklungen und Prognosen in Europa 2021).
IOM (Internationale Organisation für Migration) (2020), The future of migration to Europe (Die Zukunft der Migration nach Europa).
Kosow, H. und Gaßner R. (2008), Methods of future and scenario analysis: overview, assessment, and selection criteria (Methoden der Zukunft- und Szenarioanalyse: Überblick, Bewertung und Auswahlkriterien).
Fußnoten
(1) Siehe z. B. die von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC) (JRC, 2023) veröffentlichten „Reference Scenarios for 2040“ (Referenzszenarien für 2040), das EUA-Projekt „Scenarios for a sustainable Europe in 2050“ (Szenarien für ein nachhaltiges Europa im Jahr 2050) (EUA, 2021), die Verwendung von Szenarien durch die EUAA in ihrem Bericht 2023 über die Zukunft des internationalen Schutzes in Europa (EUAA, 2023a) oder die Darstellung der verschiedenen möglichen sozioökonomischen Ergebnisse des gerechten Übergangs durch Eurofound in vier Szenarien (Eurofound, 2023).
(2) Am 2. Juli 2024 wurde die EMCDDA offiziell zur Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) mit einem überarbeiteten Mandat. Die zwischen 2018 und 2024 durchgeführten vorausschauenden Aktivitäten fanden zwar statt, als die Organisation noch EMCDDA hieß, in diesem Dokument verweisen wir jedoch auf die Agentur unter Verwendung ihres neuen Namens EUDA.
(3) Megatrends werden als langfristige Triebkräfte des Wandels definiert, die in der Gegenwart beobachtet werden können und einen großen Einfluss auf alle Lebensbereiche weltweit haben und dies auch noch mehrere Jahrzehnte tun werden.
(4) Dazu gehörten die jüngsten vorausschauenden EU-Studien, die sich auf denselben Zeitrahmen (bis 2040) beziehen, sowie Arbeiten, in denen die spezifischen Entwicklungen im Drogenbereich erörtert wurden.
(5) Während die verschiedenen Ansätze der Methode der Szenarien alle ihre eigenen Stärken und Schwächen haben (siehe z. B. Curry und Schultz, 2009), ist die „modulare“ oder morphologische Art der Erstellung von Szenarien (d. h. die auf Schlüsselfaktoren basierende Methode) am besten für die Anforderungen dieses Projekts geeignet. Die Methode wurde ursprünglich von einem Team der JRC der EU entwickelt, und es gibt Varianten dieser Methode. Weitere Einzelheiten zum Ansatz siehe z. B. Kosow und Gaßner (2008).
(6) Die Teilnehmenden waren einem breiten Spektrum an regionalen (auch außereuropäischen) und fachlichen Hintergründen zuzuordnen, darunter Mitglieder der wissenschaftlichen und medizinischen Gemeinschaften sowie Vertreter einschlägiger nationaler Institute und EU-Institutionen.
Danksagungen
Future Impacts und ihre Unterstützung bei den vorausschauenden Aktivitäten der EUA, einschließlich der Entwicklung der Szenarien und des begleitenden Toolkits.
Über Future Impacts
Future Impacts konzipiert und implementiert Prozesse für die Vorausschau rund um Fragen zur Zukunft von Organisationen und Unternehmen. Wir führen Projekte im Bereich der Vorausschau durch, um für die Gegenwart Optionen für zukunftsorientiertes Handeln zu ermitteln. Zu diesem Zweck nutzen oder kombinieren wir unter anderem Trendanalysen, Szenarien und Delphi-Erhebungen. Neben unserem Schwerpunktbereich der Entwicklung und Durchführung individueller Foresight-Spiele konzentrieren wir uns auch auf den Aufbau von Kapazitäten für die Vorausschau. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen im Bereich der Vorausschau durch Schulungen, Toolkits und Coaching zu erweitern.